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Zu viele Pillen für Senioren
Mit zunehmendem Alter nimmt die Anzahl parallel verlaufender Krankheiten zu. Die Folge ist, dass viele Senioren viele verschiedene Medikamente auf einmal nehmen müssen, ohne dass die Wechselwirkungen zwischen einzelnen Wirkstoffen wirklich bekannt sind. Viele Alterserkrankungen sind das Resultat von Nebenwirkungen, nicht aber echte Krankheiten. Die Folge: Über 20.000 Menschen sterben jährlich an Nebenwirkungen von Medikamenten. Und: Die Generation 60 plus nimmt über die Hälfte aller verschriebenen Medikamente ein – viele Menschen werden dabei sogar abhängig von den Medikamenten. Wie kann eine "Pillenflut", von verschiedenen Fachärzten und Kliniken, verhindert werden? Wie kann eine gesundheitsförderliche Zusammenstellung von Medikamenten erreicht werden? Im Folgenden werden einige Fakten zum Thema Medikamenteneinnahme bei Senioren dargestellt.

Biologische Veränderungen bei Senioren
Ältere Menschen nehmen zahlreiche Arzneien langsamer auf als Jüngere. Dies liegt daran, dass die Wirkstoffe länger im Körper bleiben, da die Nieren und die Leber nicht mehr so schnell arbeiten wie bei jungen Menschen. Und da viele Senioren zusätzlich mehrere körperliche Defizite aufweisen und Medikamente für verschiedene Organe benötigen, potenzieren sich die Folgen langsamerer Aufnahmekapazität und von gegenseitig bedingenden Nebenwirkungen. Deshalb benötigen Senioren in besonderer Weise eine vernünftige Einstellung des Medikamentenspiegels. Biologisch ist es so, dass Medikamente im Körper als Konkurrenten von Mikronährstoffen auftreten. Sie nutzen dieselben Transportwege und verringern dadurch zum Beispiel die Magensäureproduktion und andere Sekretausschüttungen, die fürs körperliche Wohlbefinden wichtig sind. Deshalb sollte bei intensiver Medikamenteneinnahme der Mikronährstoffhaushalt durch gezielte Ergänzungen an Mineralien und Vitaminen ausgeglichen werden. Dies ist einfach durch gesundes Wasser möglich.

Testgruppen ohne Senioren
Ein großes Problem stellt die Tatsache dar, dass selten Senioren in medizinische Tests eingebunden werden. Dabei wäre dies so wichtig, da sich deren Reaktion auf Medikamente ständig verändert. Die Pharmahersteller vermeiden Tests aus praktischen Gründen. Da die Gruppe der 70 bis 80 Jährigen sehr inhomogen ist und die Probanden an unterschiedlichen Krankheiten leiden, werden Testergebnisse weniger eindeutig und die Testverfahren damit erheblich teurer. An bereitwilligen Probanden aus dieser Altersgruppe fehlt es nicht, aber es mangelt am Willen der Hersteller, hier erhebliche Mittel aufzuwenden. Dann aber ist es auch Ärzten schlichtweg unmöglich, die richtige Zusammenstellung und Dosis von Medikamenten zu finden, sollten Mehrfach-Behandlungen nötig sein. 

Studien beweisen missbräuchliche Verschreibepraxis
Wissenschaftlich ist seit langem bekannt, dass die Problematik der extensiven Verschreibepraxis gegenüber den Senioren existiert. Aber Konsequenzen wurden nicht gezogen. Unlängst wies eine Studie der Ruhr-Universität Bochum zufolge nach, dass die Behandlung älterer Menschen mit Medikamenten "besorgniserregende" Mängel aufweist. 
Eine Befragung von 2500 Patienten über 70 Jahren legte die Tatsache offen, dass im Schnitt jeder Befragte 6 verschiedene Medikamente regelmäßig einnimmt. Ärzte stellen viel zu schnelle Diagnosen. 

Forschungsanstrengungen zur Verbesserung der Lage
Der Forschungsverbund PRISCUS verbindet verschiedene universitäre Projekte zum Thema Medikamentenwirkungen bei Senioren. Die Wissenschaftler verfolgen das Ziel, die Art und Häufigkeit von Wechselwirkungen von Medikamenten zu testen, um folglich ungeeigneter Verschreibepraxis bei mehrfach einzunehmenden Arzneien vorbeugen zu können. Das Ziel dieser Untersuchungen ist die Herstellung einer Liste von Medikamenten, die für ältere Patienten nicht geeignet sind oder deren Dosierungen bei ihnen angepasst werden müssen. Die Liste soll Ärzten im Praxisalltag helfen, den Patienten geeignete Wirkstoffkombinationen zu verschreiben und Nebenwirkungen möglichst zu vermeiden. Das Vorbild ist eine Negativliste für häufig verordnete Medikamente, die in den USA kreiert wurde. 
Die Bochumer Forscher schufen drei Kategorien, nach denen Arzneien für Senioren eingeteilt wurden: A) Für Altere unbedenklich, B) für Ältere nicht geeignet und C) nur unter Vorbehalt empfehlenswert. Von 131 häufig verschriebenen Medikamenten wurden bei 82 für Senioren negative Nebenwirkungen festgestellt. Nur 26 der Medikamente konnten als unbedenklich eingestuft werden.

Welche Nebenwirkungen gibt es?
Die Reichweite der Nebenwirkungen kann von "unangenehm" bis lebensbedrohlich gehen. An dieser Stelle werden nur einige regelmäßig auftretende Erscheinungen dargestellt. Es gibt Mittel gegen Blasenschwäche oder Darmprobleme, die bei Senioren Gedächtnisprobleme erheblich verschärfen. Kreislaufmittel wirken unbeständig und lösen in zahlreichen Fällen Schwindel aus, so dass Senioren leicht in Gefahr geraten zu stürzen. Psychopharmaka, die sehr oft gegen Altersdepression verschrieben werden, obwohl hier demenzielle Prozesse stattfinden, erhöhen das Schlaganfallrisiko erheblich. Es ist wichtig, dass Senioren ihren Zustand bei der Einnahme neuer Medikamente oder neuer Zusammenstellungen beobachten und beim Auftreten solcher Erscheinungen. Aber auch bestimmte Ernährungsformen können die Wirkung von Medikamenten beeinflussen. Grapefruits können beispielsweise Enzyme in ihrer Wirksamkeit beeinträchtigten, die dem Abbau von Medikamenten dienen. Betroffen sind in diesem Falle unter Anderem Medikamente gegen Bluthochdruck, Herzkrankheiten und Fettstoffwechselstörungen.

Missbrauch in Heimen
In Heimen werden oft von überlasteten Pflegekräften Psychopharmaka verteilt, obwohl diese die Wirkung anderer Medikamente schwächen oder unzulässig verstärken. Hier liegt oft ein unkontrollierter Prozess der Medikamentenvergabe durch Pfleger vor. Dies belegen viele Untersuchungen, so auch die von Psychiater Johannes Prantel, der eine solche für den Raum Frankfurt und Mainz vorgelegt hat. Ein Zehntel der Bewohner von Altenheimen bekommen zur Ruhigstellung drei verschiedene Medikamente, belegt eine Studie der Universität Witten/Herdecke, die an 140 Heimbewohnern durchgeführt wurde. Wer im Heim ist und Angehörige hat, sollte diese über seinen regelmäßigen Medikamentenkonsum informieren und diese bitten, Informationen über diese Medikamente einzuholen. 

Ursachen für die oft suboptimale Medikation
Senioren sind naturgemäß körperlich anfälliger als jüngere Menschen. Die Folge dessen ist, dass sie im Schnitt vier Fachärzte regelmäßig konsultieren. Jeder dieser Fachärzte verschreibt Medikamente für sein spezifisches Aufgabenfeld, meist ohne sich um die Maßnahmen seiner Kollegen zu kümmern oder auch kümmern zu können. Hausärzte können theoretisch die Koordination verschiedener fachärztlicher Maßnahmen übernehmen, aber in der Praxis sind sie aufgrund vorstehend genannter Komplexitäten dazu nicht in der Lage. Auch fehlt den Hausärzten meist die geriatrische Kenntnis, die dazu notwendig wäre. 

Allgemein falsche Grundhaltung
Zu den praktischen Problemen im Umgang mit Medikamenten kommt noch der Faktor der Mentalität. "Viel hilft viel" - das ist ein in Deutschland weit verbreiteter Mythos, der eben diese Gefahren der kontraproduktiven Medikamenteneinnahme noch verschärft. In Deutschland herrscht der Glaube vor, dass die Menge an Medikamenten eine positive Wirkung dieser verstärken könnte. Aber der Schuss geht eben oft nach hinten los.

Was ist zu tun?
Die "Pilleninflation" ist die Folge des Fortschritts im Gesundheitswesen, der aber eben auch Probleme mit sich bringt. Es ist selbst für Fachleute unmöglich, alle Entwicklungen im Medikamentensektor verfolgen zu können. Deshalb ist ein eigenes Mitdenken und das Aktivieren eines eigenen Körpergefühls sehr wichtig. 

Einige Tipps können das Problem ein wenig kleiner machen:
• Wenn möglich, dann sollten Menschen mit Mehrfach-Erkrankungen einen Fachmann für Geriatrie aufsuchen
• Auch bei Facharztbesuchen ist es sinnvoll, dass der Patient eine schriftliche Liste an Medikamenten mitführt, die er bereits einnimmt
• Der Arzt sollte gefragt werden, ob das verschriebene Medikament abhängig macht
• Es ist wichtig, sich selber auf dem Beipackzettel über die möglichen Nebenwirkungen des Medikaments zu informieren
• Bei der Einnahme einer neuen Medikation sollte der Patient seine körperlichen Reaktionen genau beobachten und im Falle negativer Wirkungen sofort seinen Arzt konsultieren
• Wie erwähnt, sollte ein besonders mineralienhaltiges Wasser sowie Vitamine aufgenommen werden.
Im Allgemeinen gilt, dass man frühzeitig auf seinen Körper achten sollte, um Mehrfachbelastungen durch Medikamente präventiv zu verhindern.

Quellen: 
Deutsches Grünes Kreuz
Sendung in 3Sat Nano
 

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