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Abschied vom Simulantenimage oder Wenn Schmerzen zur Qual werden. 12 Millionen Bundesbürger leiden unter chronischen Schmerzen. Im NW Treff Gesundheit hatten die Experten Rolf Fahnenbruck von der Deutschen Schmerzliga und Schmerztherapeut Dr. Jürgen Issinger aufschlussreiche Informationen. Ein Allheilmittel gegen Schmerzen gibt es nicht. Das einflussreichste Medikament ist der Patient selbst. Helga Wegener ist nicht so schnell einzuschüchtern. Doch die letzten drei Monate haben ihr fast jegliches Selbstvertrauen geraubt. Es fing für sie ganz ungewohnt mit Rückenschmerzen an. Der Schmerz breitete sich innerhalb von wenigen Tagen im ganzen Körper aus und eines Morgens kam die Anfangsechzigerin nicht mehr aus dem Bett. „Ich konnte nicht leben und nicht sterben“, erzählt die 60 Kilo leichte Frau, die zu Beginn ihrer Schmerzen nicht ahnte, was auf sie zukommen würde. Spritzen, die nur zwei Stunden Linderung verschafften, schwere Medikamente, die ihren Magen angriffen, acht Kilo Gewichtsverlust in zehn Tagen, MRT, CT und immer wieder diese Schmerzen.
„Es war die Hölle pur“ fasst die Sekretärin zusammen, die mittlerweile wieder lachen kann. Nach den unterschiedlichen Stationen entdeckten Ärzte durch ein weiteres MRT, dass der Deckel eines Lendenwirbels eingebrochen war. „Ein halbes Jahr vorher war ich auf einer Eisplatte ausgerutscht, und ich habe den Sturz nicht so ernst genommen“, erinnert sich die Patientin, die langsam auf dem Wege der Besserung ist. „Die Geschichte von Frau Wegener ist das, was viele chronische Schmerzpatienten Monat für Monat mitmachen. Manche werden als Simulanten beschimpft, weil man den Schmerz nicht sichtbar machen kann“, berichtet auf dem gut besuchten NW-Treff in der Ravensberger Spinnerei Rolf Fahnenbruck von der Deutschen Schmerzliga. Was der sportliche Typ vor dem Publikum in einer fast erdrückenden Offenheit preisgibt, ist seine eigene Leidens- und Lebensgeschichte.
Unfassbar und deprimierend Mit 30 Jahren wurde Rolf Fahnenbruck berufsunfähig geschrieben und seine Rente anerkannt - nach 22 Operationen am Rücken! „Ich hab im Rollstuhl gesessen, nachts im Gipsbett gelegen, meine Familie ist auseinandergebrochen, mein Arzt erklärte mir, er sei mit seinem Latein am Ende, ich hatte Selbstmordgedanken“, fasst Fahnenbruck seinen langen Leidensweg knapp zusammen. Freunde holten den engagierten Vortragsreisenden aus seinem Tief. Er traf auf eine ausgebildete Schmerztherapeutin. Die verschaffte ihm mit kleinen Schritten Erfolgserlebnisse, erarbeitete eine Langzeittherapie und versprach nur seine Lebensqualität verbessern zu können, wenn er einen langen Atem hätte. „Ich bin nicht schmerzfrei, aber ich komme gut zu Recht, mache meine Übungen, wenn ich nicht mehr weiter weiß, gibt es eine Notfallnummer und durch mein Engagement in der Schmerzliga bin ich aus der deprimierenden Isolation rausgekommen“, so Fahnenbruck, der in der Patientenorganisation, deren Präsidentin Dr. Marianne Koch ist, seine Lebensaufgabe gefunden hat.
Der Informations- und Hilfebedarf ist groß Schmerzbiographien wie die von Rolf Fahnenbruck, sind für Schmerztherapeut Dr. Jürgen Issinger Praxisalltag. „Grundsätzlich ist es so, dass Schmerz eine notwendige Sinnesempfindung ist. Wenn er allerdings chronisch wird, ist das eine Fehlfunktion. Der Schmerz wird zu einer selbständigen Krankheit“, berichtet der Therapeut, der zur obersten Maxime für hilfesuchende Patienten erklärt hat: Befinden geht vor Befund. „Chronische Schmerzen können in den wenigstens Fällen eindeutig und beweisend diagnostiziert werden“, so der Experte, der auf dem NW-Treff in der Ravensberger Spinnerei mit vielen individuellen Fragen konfrontiert wurde. „Gibt es eine alternative Therapie?“, „Hab ich das Recht immer von dem selben Arzt behandelt zu werden?“ „Muss ich mich bei Wirbelgleiten operieren lassen?“ „Kann ich bei einem wirksamen Medikament darauf bestehen, dass die Krankenkassen das zahlen?“ „Warum sind wir Schmerzpatienten nicht anerkannt?“ – „Die Fragen der Zuhörer haben gezeigt, wie groß der Leidensdruck ist“, fasst Issinger zusammen. Das Schmerzgedächtnis wird nicht vergesslich Jeder chronisch gewordene Schmerz hat seine eigene Geschichte. Und diese wird im Schmerzgedächtnis abgespeichert. Auch wenn die Grunderkrankung geheilt ist, vergisst das Schmerzgedächtnis niemals. Langanhaltende Schmerzen verändern das Nervensystem, so dass es dem Gehirn dauerhaft Schmerzsignale sendet. Einen Weg, dieses Schmerzgedächtnis zu löschen, ist noch nicht gefunden,“ erklärte Issinger. Das Schmerzgedächtnis ist kein Teil des menschlichen Gehirns, der Erinnerungen speichert. Man bezeichnet damit vielmehr die Tatsache, dass sich Nervenzellen unter andauernden Schmerzreizen verändern können. Sie werden „überempfindlich“ und senden ständig Schmerzsignale an das Gehirn, auch bei nicht schmerzhaften Reizen oder ganz ohne Auslöser. „Leider sind wir in der Forschung noch nicht soweit, das Schmerzgedächtnis überschreiben zu können“, bedauerte Issinger. Somit wird der Schmerz zur Krankheit. Die größte Kraft liegt im Patienten „Das heißt, jeder chronische Schmerzpatient muss seinen eigenen Weg finden, um eine höhere Lebensqualität zu erreichen. Dabei ist es enorm wichtig, dass unterschiedliche Disziplinen zusammenarbeiten. Der Schmerztherapeut, der Hausarzt, psychologische und physikalische Fachkräfte. Man kann nur ganzheitlich therapieren und dem Patienten helfen“, so Issinger, der Schmerz als bio-, psycho- und soziales Phänomen definiert. Nach einer einjährigen Spezialausbildung zum Schmerztherapeuten, weiß Issinger, dass 500 Schmerzambulanzen zu wenig sind, entsprechend lang sind die Wartezeiten. „Die kann aber jeder für sich nutzen. Man muss aktiv werden“, forderte Fahnenbruck. Kleiner roter Faden An einem kleinen roten Faden kann sich jeder Betroffene orientieren. Rolf Fahnenbruck: „Wichtig ist ein Schmerztagebuch zu schreiben und auch den Schmerz zu messen (siehe Infokasten) Am besten ist, man setzt sich kleine realistische Ziele, statt falscher Hoffnungen. Der Rückzug in die Isolation kann tödlich sein, im wahrsten Sinne des Wortes, denn sechs Mal soviel Schmerzpatienten wie Durchschnittsbürger nehmen sich das Leben. Erfreuliche Ereignisse, lassen den Schmerz für einige Zeit vergessen und wenn man eine gute Therapie gefunden hat, muss man dafür kämpfen, auch wenn die Krankenkassen sich quer stellen.“ Einfacher gesagt als getan. Unterstützung bekommen Erkrankte in Schmerzzentren und vor allen Dingen in Selbsthilfegruppen, die eine Menge Tipps geben können und aus Erfahrung sprechen. „Das tut einem schon gut, wenn man spürt, dass man nicht allein auf der Welt mit diesen gesundheitlichen Problemen ist“, so Fahrenbruck. Unterm Strich hilft aber nur die Kombination: Eigene Initiative, Selbsthilfegruppen und ein kompetentes Schmerzzentrum können die Lebensqualität chronisch Schmerzkranker deutlich verbessern. Infokasten: Deutsche Schmerzliga e.V. 5.200 Mitglieder gegr.:1990 Schmerztelefon: 0700 / 375 375 375 Internetadresse www.schmerzmesse.de oder www. Schmerzliga.de
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