Homosexualität im Alter lesen

Drucken
Die Problematik des Älterwerdens verschärft sich bei Lesben und Schwulen. Die Gesellschaft ist noch nicht darauf eingerichtet.

Annette Eick, Schriftstellerin ist in Februar 2010 im Alter von 100 Jahren gestorben. Schon im Berlin der 20er Jahre schrieb sie für Lesbenzeitschriften wie „Frauenliebe“ oder „Garcon“.
In der zweiten Hälfte ihres Lebens lernte sie über eine gemeinsame Freundin Gertrud Klingel, genannt Trud, kennen, und lieben.
„Sie war ein starker Charakter, sehr anständig, hundertprozentig glaubwürdig und zuverlässig.“ Die acht Jahre ältere Trud hatte schon in den frühen dreißiger Jahren in England gelebt und war nach Kriegsende dorthin zurückgekehrt.
Nach Truds Pensionierung 1964 verließen sie London und zogen nach Devon. Dort betreibt Annette Eick elf Jahre lang eine Kindertagesstätte im eigenen Haus. Als Trud an Alzheimer erkrankt, begann für Annette Eick eine der schwersten Prüfungen ihres Lebens. Monatelang pflegte sie die zunehmend verwirrter und teilweise auch gewalttätig werdende Freundin. 1989 starb Trud und ließ die Lebensgefährtin nach vierzig gemeinsamen Jahren völlig erschöpft und allein zurück. Trotz Krankheiten lebte Annette Eick bis zu ihrem Tod in ihren eigenen vier Wänden und versorgte sich weitgehend allein. Ihre Selbstständigkeit so lange wie möglich zu behalten, war ihr sehr wichtig. Einsam war es um sie geworden, denn viele Freunde und Bekannte sind inzwischen gestorben. Nur die „unsterbliche Muse – Titelheldin ihres 1984 veröffentlichten Gedichtbandes „Immortal Muse“ – inspirierte Annette Eick noch immer häufig zu Stegreifreimen oder philosophischen Betrachtungen. Ihr Schreiben diente ihr als Überlebenshilfe. (Quelle: Lesbengeschichte.de)

Die Weichen müssen gestellt werden
Derzeit wird in Deutschland eine entscheidende altenpolitische Diskussion geführt, die Weichen stellt. Entweder: Für eine Altenpolitik, die sich eine gute Betreuung leisten können oder für eine Altenpolitik, die den Bedürfnissen der Menschen im Rahmen des Normalen gerecht wird.
Lesbische und schwule Altenpolitik wird hier eins von vielen Elementen sein. (Quelle: muenchen.de)

Eine alter Mensch ist doch nicht schwul
Wer altert und niemand hat, muss ins konventionelle Heim. Doch ein Seniorenheim, das offensiv wirbt: Wir akzeptieren gleichgeschlechtliche Lebensformen! Hat ja wohl nicht Seltenheitswert. Die meisten Senioren wünschten sich bestimmt kein Schwulen-Getto im Alter, sondern wollen einfach nur akzeptiert sein, ohne viel Aufhebens. In der Altenheimrealität aber kann man im Aufnahmebogen nicht einmal ankreuzen, dass man schwul ist oder lesbisch. Ein Senior ist automatisch heterosexuell. "Normal." Ob verheiratet oder verwitwet oder geschieden, ob man Kinder hat oder nicht, das interessiert die Heimleitung. Und weil es keine spezifischen Angebote gibt, wagten die wenigsten Schwulen, sich zu offenbaren - aus Angst vor Ablehnung. Woraus die Hausleitungen irrigerweise folgerten: kein Bedarf. Das Verstecken geht also weiter. Und so sitzen dann die Alten am Kaffeetisch, die einen ziehen stolz Fotos der Enkel aus der Tasche, und daneben sitzt der schwule Seniore und hofft auf Themenwechsel. (Süddeutsche Zeitung)

Lesben und Schwule gibt es in allen Generationen.
Bereits 1996 war jede vierte in der Bundesrepublik lebende Person über 60 Jahre alt und weiblich. Bei einem Lesbenanteil von 2-3 % an der Frauenbevölkerung, leben in der BRD 400.000 bis 600.000 Lesben über 60 Jahre. (Quelle Lesbengesundheit) Lesben und Schwule, die heute alt sind, haben ungleich schwierigere Bedingungen für ihre Lebensform erlebt als jüngere Lesben und Schwule. Sie erlebten zum Teil noch die Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus oder sind in ihrer Sozialisation dadurch geprägt worden. Auch ein Aufwachsen in der Nachkriegszeit, der sog. Adenauer-Ära, hat für sie ein erhebliches Maß an Tabuisierung und Diskriminierung ihrer Lebensform bedeutet. Diese Erfahrungen wirken sich in ihren individuellen Biographien und Lebensentwürfen aus.
Manche ältere Lesben und Schwule haben sich aufgrund der gesellschaftlichen Diskriminierung ihr Leben lang darauf eingerichtet, eher im Verborgenen leben zu müssen. Obwohl dies heute nicht mehr in gleichem Maße nötig ist, ist es für die Betroffenen schwierig, erlernte Bewältigungsstrategien zu verändern. Hinzu kommt, dass diese Generationen durch die teilweise menschenverachtenden Stigmatisierungen während der Aids-Krise in den 1980er Jahren erneut Traumatisierung erfahren haben. Solch massive Diskriminierungserfahrungen verhindern oftmals ein offenes Auftreten und damit eine Teilnahme an einem öffentlichen lesbisch-schwulen Leben. Dadurch besteht eine erhöhte Gefahr von Alterseinsamkeit.


Die Gemeinschaft muss sich solidarisieren
Die Gemeinde der Lesben und Schwulen bezeichnet sich selbst gern als Community und genau die ist in der Altersfrage gefordert, sich mit den alten Schwulen und Lesben zu solidarisieren. Sicher gibt es das im Verhältnis der Generationen einiges aufzuarbeiten, aber ohne diese Solidarität wird es nicht gelingen. Viele ältere Lesben und Schwule leben allerdings auch sehr verborgen, haben wenig Kontakt zur jüngeren lesbisch-schwulen Generation und den Einrichtungen der schwullesbischen Gemeinde. Grund hierfür sind die völlig unterschiedlichen und belastenden lebensgeschichtlichen Bedingungen sowie die deutliche Jugendorientierung in der schwullesbischen Gemeinde. Dementsprechend gibt es wenig Treffpunkte, an denen Kontakte geknüpft werden können.
Sehr bedrohlich erleben fast alle älteren lesbischen Frauen und schwulen Männer eine bevorstehende Pflegebedürftigkeit. Der drohende Verlust von Autonomie beinhaltet die Furcht vor erneuter Ausgrenzung und Diskriminierung in Pflegeeinrichtungen. Auch die anderen Angebote der Altenhilfe wirken auf alte Schwule und Lesben wenig einladend, da sie sich nicht oder nur wenig auf die Bedürfnisse von Minderheiten einrichten.
(Quelle Walter Paul, Entstehung lesbisch-schwuler Altenarbeit in Hessen)

Es gibt Lichtblicke Wohnprojekte für Homosexuelle
Das erste Wohnprojekt für Homosexuelle Senioren in Europa startete 1998 in Amsterdam. 6 Männer und eine Frau zogen in eigene Wohnungen ein des neu gebauten LA Ries Hus (eine Art von Betreuten Wohnen).
Es existiert heute noch, auch wenn in der Zwischenzeit ein paar Bewohner gestorben sind. Dafür sind neue Schwule und Lesben nachgerückt!

Ambulanter Pflegedienst LWP
(Pflegedienst für Schwule und Lesben)
Diesen besondern Pflegedienst gibt es seit 2002 in Frankfurt und hat sich besonders auf die Homosexuellen Pflege spezialisiert. Zudem arbeiten fast ausschließlich Pfleger und Pflegerinnen die ebenfalls Homosexuell sind.
Zurzeit hat der Pflegedienst 20 Klienten davon sind über die Hälfte schwul oder lesbisch.
Vor allem ihr Menschenbild spricht Heteros wie auch Homosexuelle an, daher hier ein Auszug aus ihrem Pflegeleitbild:
“Für jeden Menschen ist der Wunsch nach einem selbst bestimmten Leben anzuerkennen und zu fördern, ebenso wie die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Jeder Mensch hat ein Recht auf einen Lebensraum, in dem er nach seinen eigenen Vorstellungen Lebens- und Wohnkultur realisieren kann.
Wir achten jeden Menschen als eigenständige Persönlichkeit, als Einheit von Körper, Geist und Seele und Sozialer Beziehungen.
Die Individualität eines jeden Menschen wird von uns respektiert. Jeder Mensch schafft durch sein Verhalten Bedeutung. Auch verwirrtes, zwanghaftes, niedergeschlagenes, grenzenloses, süchtiges oder wahnhaftes Verhalten ist in den Kontext der Persönlichkeit einzuordnen“.
Der LWP arbeitet bei sich bereits sehr erfolgreich, wenn man bedenkt, dass die homosexuelle Pflege ein neues Gebiet in der Pflege ist. Es werden kontinuierlich mehr Klienten, die Pflege durch Homosexuelle für Homosexuelle in Anspruch nehmen wollen. Die Vorreiter auf diesem Gebiet, wollen es ausbauen, solange die Schwulen und Lesben noch nicht vollkommen in die Gesellschaft integriert sind. Altenpflegayheim in Frankfurt:
Der Verein wurde 1999 gegründet und setzt sich für ein Wohnprojekt für Homosexuelle Senioren ein unter dem Motto” Wir gestalten unser Leben selbst”
Allerdings soll es kein klassisches Pflegeheim sein, sondern das Modell der Hausgemeinschaft.
2002 haben die Initiatoren des Altenpflegayheims eine repräsentative Umfrage unter Homosexuellen gestartet, um herauszufinden, was für Bedürfnisse ältere Schwule und Lesben haben und um besser Argumentationsstrukturen gegenüber öffentlichen Institutionen zu haben, damit das Projekt weiter voran getrieben werden kann. „2003 haben wir (das Gayheim) Eröffnung gefeiert und die Resonanz  darauf war gewaltig (im Positiven wie auch im negativen Sinne).
Die Presse und das Fernsehen waren gekommen, um dieses Ereignis zu dokumentieren und festzuhalten. Leider aber gab es viele Nachbarn, die trotz Einladung fern geblieben waren. Das liegt zum einem daran, dass unser Pflegeheim inmitten älterer Menschen verweilt, die sich generell schwer tun, sich für neue Projekte, Fortschritte und Ähnlichem zu öffnen.
Es wurde von den Personen auch viel getan um den Bau des Heimes zu verhindern z.B. durch Beschwerdebriefe an die Stadt oder auch an die Kirche, die mit Vorurteilen gespickt waren. Vor allem die dort ansässige katholische Kirche machte uns das Leben schwer. Selbst in den Messen taten sie unser Projekt und auch Homosexuelle an sich als nicht gleichberechtigt  ab und als eine nicht gewollte Schöpfung des Herren.
Das Heim hat sich aber etabliert und es sind vor allem von den Jugendlichen sehr gut aufgenommen und nicht selten nutzen Jungendliche die Gelegenheit, um über ihre eigene Sexualität zu reden. (aus einem Schreiben von Walter Curkovic-Paul, Heimleiter des Altenpflegayheim in Frankfurt/ Main) (Quelle Wohnformen im Alter /Weidemann)

Das Land Hessen hat eine neue Broschüre herausgegeben
Neue Broschüre „Homosexualität und Alter"
Informationen für Beschäftigte in der Altenpflege
Die druckfrische Broschüre „Homosexualität und Alter – Informationen für Beschäftigte in der Altenpflege“ soll dazu beitragen, die Bedürfnisse von älteren homosexuellen Frauen und Männern zu erkennen und Sensibilität dafür zu entwickeln. Die Lebenssituation von älteren Lesben und Schwulen soll bekannter gemacht werden. Dabei geht es sicherlich auch darum, soziale Netzwerke zu planen und aufzubauen und Orte für ältere Lesben und Schwule zu konzipieren, damit sie ein selbstbestimmtes Leben im Alter führen können. Zu bestellen unter Sie ist kostenlos erhältlich beim Hessischen Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit, Dostojewskistr. 4, 65187 Wiesbaden.

Die Stadt München hat auch eine Menge Angebote:
Broschüre: VielfALT anders leben, Angebote und Hilfen für Lesben, Schwule und Transgender im Alter. rosa ALTERnative

Wichtige Adresse:
www.village-ev.de
VILLAGE e.V. ist ein gemeinnütziges Projekt, das sich für die Belange alter Lesben und Schwuler einsetzt. Ziel unserer Initiative ist es, die Lebenssituation alter Lesben und Schwulen zu verbessern und die Sensibilisierung sowohl der Öffentlichkeit, wie der Betroffenen für dieses Thema zu fördern. Tragender Gedanke ist dabei die Tatsache, dass viele Lesben und Schwule auf einen anderen persönlichen Lebensentwurf zurückblicken als weite Teile der heterosexuellen Bevölkerung. Die Mehrzahl hat ein anderes soziales Leben geführt, viele haben in der Regel keine Kinder und somit auch im Alter kaum Unterstützung durch die jüngere Generation. Die Vorstellung, irgendwann einmal auf einen Pflegeplatz in einem heterosexuell geprägten Pflege- oder Altersheim angewiesen zu sein, ist für viele Betroffene nur schwer erträglich. Denn Lesben und Schwule haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Freiheiten und Selbstverständlichkeiten erkämpft, auf die Frau/Mann nicht mehr verzichten kann. Niemand sollte gezwungen sein, diese Freiräume im Alter oder im Falle von Pflegebedürftigkeit aufgrund des sozialen Drucks aufgeben zu müssen. Als Ersatz fungiert bei einigen bislang oft die so genannte “Wahlfamilie”. Ein Projekt wie VILLAGE e.V. will solche Probleme abfedern und zu neuen, angstfreien Lebensperspektiven im Alter beitragen.
 

Volltextsuche

Newsletter

Tragen Sie sich hier fr unseren Newsletter ein

Buchtipp