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Lesen macht lebendig und erschliesst
neue Erfahrungen und Welten
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Das Buch und überhaupt alle gedruckten Texte haben gegenüber dem Fernsehen und dem Rundfunk zwei wichtige Vorteile, die Älteren sehr entgegenkommen, weil für Ältere, die wesentlichen Einsichten gegenüber den flüchtigen Informationen immer mehr an Gewicht gewinnen.
Texte lassen einem Zeit - beim Lesen eines Satzes, eines Kapitels oder eines ganzen Buches können Pausen zum Nachdenken eingelegt werden, wann immer und wie lange einem danach zumute ist. Das ermöglicht ein vertieftes Verständnis des Textes und ein ruhiges, abwägendes Nachdenken über die Bedeutung, die der Text hat.

Lesen ist Abenteuer im Kopf - wiederholt berichten Leser, daß sie beim Lesen eines Buches alles um sich herum vergessen und in eine von unserer realen Alltagswelt weit entfernte Phantasiewelt entschwinden. Man kann diese Form des Lesens sicher als eine Art Flucht aus der Realität ansehen und ihr damit einen negativen Akzent verleihen. Doch wird man mit einer solchen Beurteilung diesem Phänomen nicht oder allenfalls teilweise gerecht. Flucht aus der Realität schafft ja Distanz zur Realität und damit die Möglichkeit, die Realität, z.B. die Realität des eigenen Lebens und der Welt um uns herum aus einer anderen Perspektive zu sehen, Ereignisse und Erfahrungen neu zu gewichten und z.B. bisher negativ Erlebtes weniger wichtig oder gar als positiv einzustufen. Und außerdem ist das Versinken in einer Phantasiewelt vielleicht gar keine Flucht aus der Realität, sondern indem wir andere Welten und die Schicksale anderer Gestalten in einem Buch mit erleben, werden uns vielleicht Seiten und Möglichkeiten bewusst, die als Wünsche in uns schlummerten, aber in unserem Leben nicht realisiert werden konnten. Und das bedeutet, das Versinken in einer Phantasiewelt ist gerade nicht eine Flucht aus der Realität, sondern das Wahrnehmen einer anderen Realität in uns, die wir bisher nicht kannten, die aber da ist.

Lesen ist darüber hinaus wie Reisen. Und Reisen bedeutet ja, seine Neugier zu befriedigen, Entdeckungen zu machen, die man bisher nicht machen konnte, sich selbst außerhalb seiner gewohnten Umgebung und fern der Alltagssorgen als eine neue bisher unbekannte Person zu erfahren und um etwas erzählen zu können. Beim Lesen nämlich erfahren wir nicht nur etwas, was man von außen sehen kann, sondern wir erhalten auch eine Ansicht von innen. Wir erfahren was die Menschen in bestimmten Ländern bewegt, wie sie mit den Problemen umgehen, vor die sie gestellt werden, welche Motive ihr Handeln leiten und welche ihrer Einstellungen und Wertvorstellungen mit den unsrigen übereinstimmen oder von ihnen abweichen. Beim Lesen geht es um die Auseinandersetzung mit den Informationen, den Motiven, den Einstellungen und Werten der anderen Kulturen und der dargestellten Personen. Wir können die eigenen Anschauungen und die eigene Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Diese Auseinandersetzung, die uns durch intensives Lesen ermöglicht wird, macht uns vielfältiger in unserem Denken und damit reicher. Zugleich erhalten wir mit dem Lesen unsere Verbindung mit der Welt außerhalb von uns selbst aufrecht und schützen uns damit davor, innerlich zu verkümmern und uns zu isolieren.

Lebendigkeit hängt nun mal, ganz besonders im Alter davon ab, dass wir mit der Welt um uns herum in Verbindung bleiben, an ihren Problemen Anteil nehmen, ihr Unglück mit erleiden und uns am Glück und Gelingen in dieser Welt freuen. Mehr als diese Lebendigkeit, die uns die Chance bietet, uns zu verändern und in Verbindung mit der Welt zu bleiben, können wir im Alter wohl nicht erwarten. Lesen kann das sicherlich nicht allein leisten, aber es kann dazu in hohem Maße beitragen, wenn es im Sinne dieser Chance genutzt wird. Und Lesen kann das im Gegensatz zum Reisen auch dann noch leisten, wenn der Körper ein reales Reisen nicht mehr ermöglicht, die Augen und der Geist aber noch klar sind.

Bietet schon das Lesen für sich allein die Chance auf Bereicherung, so steigert sich diese Chance, wenn man eine Partnerin oder einen Partner hat, mit dem man über das Gelesene reden kann, und natürlich noch mehr, wenn man in einer Gruppe oder gar einem Seminar gemeinsam liest und darüber spricht. Denn wenn man alleine liest, dann spielt sich die Auseinandersetzung nur zwischen dem Text und der in den Text eingegangenen Welterfahrung des Autors auf der einen Seite und der eigenen Person mit ihrer Erfahrung auf der anderen Seite ab.

Erkundigen Sie sich ob es in Ihrer näheren Umgebung Lesezirkel oder Lese-Gruppen gibt die sich regelmässig treffen und über das Gelesene austauschen.


 


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